Die Präzision des Ungefähren

Veröffentlicht am 26. April 2026 um 07:10

Die schwierigste Frage in einer Beziehung ist nicht «Liebst du mich?».
Es ist: «Was wollen wir essen?»

Eine scheinbar harmlose Frage. Vier Wörter. Kein Risiko. Kein Druck. Und doch: der Anfang vom Ende eines entspannten Abends. Ich frage also: «Was wollen wir essen?» Sie sagt: «Mir egal.»

«Mir egal» ist in diesem Kontext keine Antwort. Es ist eine Falle.

Ich mache Vorschläge. Pasta. «Hmm.»
Fleisch. «Weiss nicht.»
Pizza. «Nicht so Lust.» Oder gehen wir zum Italiener? «Hat der heute geöffnet?»

Ich beginne zu verstehen: Es geht hier nicht um Essen. Es geht um Präzision. Um das Erraten einer sehr spezifischen, aber streng geheimen Vorstellung. Nach dem fünften Vorschlag sagt sie: «Ich hätte schon Lust auf etwas Leichtes.»

Leicht. Ein dehnbarer Begriff. Für mich bedeutet das: Salat.
Für sie offenbar: etwas Warmes, aber nicht zu schwer, aber auch nicht zu klein, aber bitte mit Geschmack. Ich schlage etwas vor, das all diese Kriterien erfüllt. Sie sagt: «Ja… aber nicht heute.» Ich werde ruhiger. Analytischer. Ich beginne, Muster zu erkennen, die es nicht gibt. Ich denke strategisch. Vielleicht ist Schweigen die Lösung.

Zehn Minuten später sagt sie: «Wir könnten ja einfach Pizza machen.» Pizza. Der Vorschlag, den ich ganz am Anfang gemacht habe. Der Vorschlag, der damals noch kategorisch ausgeschlossen wurde.

Ich nicke. Gelassen. Weise. Fast schon erleuchtet.

Liebe bedeutet nicht, immer verstanden zu werden.

Liebe bedeutet, zu akzeptieren, dass «mir egal» eine sehr konkrete Meinung ist.

Man muss sie nur falsch genug interpretieren.

 

Von Marco Canonica

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