Die Kunst des Miteinanders

Veröffentlicht am 29. April 2026 um 18:00

Es gehört zu den leisen Eigentümlichkeiten unserer Zeit, dass ausgerechnet jene, die gemeinsam Lösungen finden sollten, zunehmend Gefallen daran finden, einander zu widersprechen.

Nicht im produktiven Sinne – das wäre der Kern politischer Debatten, sondern eher als eine Art gepflegte Distanzübung.

Man spürt es auch in der aktuellen Schweizer Politik: bei Fragen der Energieversorgung, der Beziehungen zu Europa oder der Finanzierung unserer Sozialwerke. Die Herausforderungen sind komplex, die Lösungen selten eindeutig – und doch verlaufen die Linien oft erstaunlich klar entlang parteipolitischer Grenzen. Nun ist es keineswegs verwerflich, Überzeugungen zu haben. Doch was mich beschäftigt, ist die Beobachtung, dass Haltung allzu oft mit Unbeweglichkeit verwechselt wird. Wer sich bewegt, riskiert rasch den Verdacht des Verrats. Man wusste lange: Allein kommt man nicht weit.

Vielleicht beginnt Zusammenarbeit mit einer einfachen Frage: Könnte es sein, dass auch der andere nicht ganz falsch liegt? Eine unbequeme Frage, gerade in der Politik – aber eine, die Türen öffnet. Sie verlangt keine Aufgabe der eigenen Überzeugung, sondern die Fähigkeit zu unterscheiden: Was ist unverhandelbar, und wo liegt Raum für Lösungen?

Ich stelle mir diese Frage auch selbst immer wieder. Gerade dann, wenn ich innerlich bereits überzeugt bin, im Recht zu sein. Vielleicht ist genau das der Moment, in dem Zuhören wichtiger wird als Argumentieren. Kompromisse gelten schnell als Schwäche. Dabei sind sie oft das Gegenteil. Mit einem leichten Augenzwinkern liesse sich sagen: Wenn sich am Ende alle ein wenig ärgern, könnte es ein guter Entscheid gewesen sein.

Was mich beschäftigt, ist daher weniger die Differenz an sich, sondern der Umgang damit. Ob wir Unterschiede als Gräben pflegen – oder als Ausgangspunkt für Brücken nutzen.

Denn gewählt wird man nicht, um Recht zu behalten. Sondern um Verantwortung zu tragen. Und Verantwortung lässt sich schlecht im Alleingang wahrnehmen.

 

Von Marco Canonica

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