Timmy, der Wal, hat es geschafft und überlebt, hoffentlich: Er ist nicht nur gerettet worden, sondern gleich zum inoffiziellen Maskottchen unserer kollektiven Empathie aufgestiegen.
Wochenlang haben wir gebangt, gespendet, Daumen gedrückt – und vermutlich mehr über Meeresströmungen gelernt als in der gesamten Schulzeit. Ich finde das grossartig. Wirklich.
Und gleichzeitig ertappe ich mich bei einem leisen Gedanken: Was wäre, wenn wir diese geballte Fürsorge einmal testweise auf andere Untiefen unserer Welt losliessen? Auf jene Themen, die keine Flosse haben und deshalb weniger charmant wirken. Stellen wir uns vor, wir würden mit derselben Hingabe Bildungslücken schliessen, Einsamkeit eindämmen oder den einen oder anderen gesellschaftlichen Knoten entwirren. Vielleicht bräuchten wir dafür einfach bessere Namen. „Timmy, das Steuersystem“ klingt doch gleich viel zugänglicher.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Jeder gerettete Wal ist ein Triumph. Aber vielleicht liegt die eigentliche Pointe darin, dass wir längst bewiesen haben, wozu wir fähig sind. Wir können uns mobilisieren, wir können uns kümmern, wir können erstaunlich hartnäckig sein.
Meine kleine, womöglich naive Lösung: Wir behandeln Probleme künftig wie Wale. Wir geben ihnen Gesichter, Geschichten – und ein bisschen Prominenz. Denn offenbar retten wir am liebsten, was uns berührt. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Ressource, die wir viel öfter anzapfen sollten.
Von Marco Canonica
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