Sparen wir uns die Wahrheit weg?

Halbieren wir also. Nicht den Kaffee am Morgen (Gott bewahre), sondern die SRG. So will es die Halbierungsinitiative.

Und plötzlich wird im ganzen Land leidenschaftlich gerechnet, gestritten, geflucht, genickt. Das Volk ist der Chef, und der Chef diskutiert gern. Ich mag das. Demokratie mit offenem Visier, nicht geschniegelt, sondern lebendig. 

Die einen sagen: Die SRG ist überfinanziert, träge, zu gross. Viele SVP-Exponenten nicken hier besonders eifrig, aber längst nicht nur sie. Weniger Geld, so die Hoffnung, bringt mehr Effizienz, weniger Firlefanz, weniger Sendungen, bei denen man sich fragt, ob sie wirklich jemand vermisst. Tour de Suisse? Lauberhornrennen? Keine Angst, sagen sie, das klappt auch ohne prall gefüllte Gebührenkasse. Man könne ja Überflüssiges streichen. Was immer das genau ist. 

Die anderen halten dagegen. Gerade jetzt, in dieser wirren, lauten, oft hysterischen Zeit, brauche es eine starke, seriöse SRG. Eine, die einordnet statt aufschreit, recherchiert statt provoziert. Viele aus der Mitte, viele von links sehen das so, aber nicht nur. Sie fürchten, dass mit halbiertem Budget nicht nur Programme, sondern auch Qualität verschwindet. Und Qualität kommt selten im Sonderangebot. 

Und wir hier im Bezirk Zurzach? Wir wissen, was Beständigkeit heisst. «Die Botschaft» gehört zu uns wie die Thermalquelle, wie die Zuglinie, wie das Eisfeld, wie einst die alte Halbbrücke. Die hat man übrigens nicht halbiert, sondern ganz abgerissen. Vielleicht eine Lehre: Nicht alles lässt sich sinnvoll halbieren. 

Ich finde: Streiten wir. Laut, leidenschaftlich, respektvoll. Jede und jeder soll seine Meinung sagen, jede und jeder soll mitbestimmen. Ist das nicht grossartig? Am Ende geht es weniger um Zahlen als um Haltung. Um die Frage, welche Medien wir wollen, lokal wie national. Schlank oder stark, sparsam oder stabil. 

Vielleicht sollten wir nicht nur über Zahlen reden, sondern über uns selbst. Jeden Tag verbringen wir Minuten um Minuten damit, durch endlose Feeds zu scrollen, zwischen Klicks, Halbwahrheiten, Unwahrheiten und Belanglosem. Was, wenn wir diese Zeit stattdessen nutzen würden, um uns zu informieren, hinzuschauen, nachzudenken – bevor wir abstimmen? Am Ende zählt nicht, wer Recht hat, sondern wer noch aufmerksam genug ist, um überhaupt mitzubestimmen. Und dann entscheiden. Gemeinsam. Der Chef – und das sind wir alle - hat das letzte Wort. Zum Glück. 

 

von Marco Canonica

 

(erschienen am Mittwoch, 21. Januar 2026, in der Regionalzeitung "Die Botschaft")