Zwischen Frecciarossa und Espressotasse

Veröffentlicht am 28. Dezember 2025 um 07:45

Ich liebe Kaffee. Aber noch mehr liebe ich die kleinen Dramen, die er auslösen kann. Nehmen wir den Cappuccino am Abend.

Für viele ein harmloser Abschluss eines guten Essens – für jeden Italiener hingegen ein kulinarischer Notruf. Milch nach dem Dessert? Unvorstellbar. Das ist ungefähr so, als würde man nach der Oper noch schnell eine Rede von Donald Trump anhören müssen. Kann man machen. Sollte man aber lassen.

Und dann dieser Espresso. Oder besser: Kaffee. In Italien existiert der Espresso eigentlich nur als stillschweigendes Einverständnis. Es gibt Kaffee. Punkt. Wer einen caffè bestellt, bekommt automatisch einen Espresso (nach Touristenverständnis) serviert – klein, stark, kompromisslos. Doch erkennt der Kellner einen Touristen, wird er vorsichtig. Fast fürsorglich. “Intende un espresso?” fragt er dann, nicht weil es etwas anderes gäbe, sondern um sicherzugehen, dass der Gast nicht heimlich von einem Kaffee Americano träumt. Eine präventive Massnahme also, kulturell wie koffeintechnisch. Ja, genau den meint man. Immer.

In der Schweiz höre ich dafür regelmässig das Wort Expresso. Mit X. Jedes Mal sehe ich innerlich den Frecciarossa in den Bahnhof einfahren. Express-Kaffee, bitte – möglichst mit 300 km/h durch die Tasse. Schnell muss er sein, das stimmt. Aber nicht auf Schienen.

Ich habe mir deshalb einen Neujahrsvorsatz gefasst: Wenn neben mir in Italien abends jemand einen Cappuccino bestellt, werde ich höflich – aber unüberhörbar – darauf hinweisen, dass dies also ganz übel ist. Aus kultureller Verantwortung, versteht sich.

Ein bisschen dürfen wir uns doch an Kulinarik-Kulturen halten, oder? Nicht verbissen, aber mit Humor, Respekt – und einem kleinen Lächeln im Milchschaum.

 

Buon anno, Marco Canonica

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Kommentare

Continisio nicola
Vor 18 Tage

Grandeeeee..... Marco.