Manchmal frage ich mich, ob die FIFA-Auslosung zur nächsten WM wirklich eine Sportveranstaltung war – oder eher eine Mischung aus Polit-Operette, Selbstinszenierungs-Festival und kosmischem Improvisationstheater.
Da standen also Infantino und Trump auf der Bühne, wie zwei bestens gelaunte Gastgeber einer Reality-Show, während irgendwo im Hintergrund noch jemand daran erinnerte, dass es eigentlich um Fussball gehen sollte.
Und ich, als Zuschauer, sass da und dachte: Wenn Humor tatsächlich Macht hat, dann ist der milliardenschwere Fussballzirkus längst eine Satire über sich selbst. Infantino wirkt dabei wie ein Moderator, der die Regeln schreibt, während er sie erklärt. Kann er machen, was er will? Wahrscheinlich nicht. Tut er’s trotzdem? Gefühlt ja. Irgendwie beneide ich ihn: Zwei Stunden TV-Sendezeit zur freien Gestaltung! Ich würde damit wahrscheinlich versuchen, die Abseitsregel endlich allgemein verständlich zu erklären – und scheitern. Aber charmant.
Der VAR war auch dabei, natürlich. Dauerpräsent. Ein elektronischer Mahner, der zeigt: Selbst in der grossen Show des Weltfussballs braucht es jemanden, der sagt: „Moment, war das wirklich eine gute Idee? Die halbe Welt lachte über diesen Abend. Die andere Hälfte runzelte die Stirn. Und ich? Ich nehme es mit Humor – denn vielleicht ist das die einzige Währung, die im globalen Fussballgeschäft noch nicht reguliert wurde. Und die einzig wirklich faire.
Und während ich so über Macht, Glanz und Kopfschütteln nachdenke, kommt mir ein Gedanke: Wir Schweizer wünschen uns insgeheim, dass sich die Italiener für die WM noch qualifizieren. Nicht etwa, weil wir uns sicher wären, gegen sie zu gewinnen – das wäre ein Trugschluss. Nein, es geht um etwas anderes. Italien gehört einfach zur WM, so selbstverständlich wie Sonne zum Sommer oder Vino Rosso zum Abendessen. Mehr noch: In einer Welt, in der Donald Trump plötzlich als Teil der Fussball-Erzählung auftaucht, wirkt die italienische Nationalmannschaft wie ein Stück Normalität, das uns daran erinnert, worum es eigentlich geht: Leidenschaft, Spielwitz, Herzblut – und nicht Politik-Glanz à la Infantino. Kurz gesagt: Italien auf der WM-Bühne ist das kleine bisschen Vernunft, das man sich wünscht, wenn der Rest der Show in grellem Licht flackert.
Meine Empfehlung: Infantino & Co. könnten zur Abwechslung einmal ausprobieren, wie es wäre, nicht im eigenen Scheinwerferlicht zu baden. Ein bisschen Selbstironie statt Selbstinszenierung – das würde dem Fussball besser stehen als jeder neue Pokal. Und wer weiss: Vielleicht wirkt echte Glaubwürdigkeit ja sogar spektakulärer als jede Bühnenshow.
Gelb-Rote-Satire, Gruss Marco Canonica
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Hallo Marco, super geschrieben, der UKW-Blog und der Infantino - Trump-Auftritt, den ich mir gottseidank erspart habe.