Die Badi eröffnet, und mit ihr eine Wahrheit, die man den ganzen Winter erfolgreich verdrängt hat.
Ich freue mich. Wirklich. Sonne, Wasser, Leichtigkeit. Bis zu dem Moment, in dem ich vor dem Spiegel stehe und feststelle: Mein Körper hat den Winter nicht als Übergang verstanden, sondern als Projekt.
Die Badehose passt noch. Rein technisch. Emotional bin ich mir weniger sicher.
Früher ging man einfach. Heute plant man. Strategisch. Wann ist es am leersten? Wo legt man sich hin? Wie lange kann man das T-Shirt noch rechtfertigen?
Die ersten Minuten sind heikel. Man bewegt sich vorsichtig, als wäre man selbst eine Beobachtung. Alle schauen natürlich nicht. Und genau deshalb fühlt es sich so an, als würden alle schauen.
Dann passiert etwas Erstaunliches.
Nach kurzer Zeit ist alles egal. Man liegt, man isst, man lebt. Der eigene Körper verliert an Bedeutung, weil alle anderen ebenfalls damit beschäftigt sind, ihren zu ignorieren.
Und plötzlich wird klar: Die Badi ist kein Ort für Perfektion.
Sie ist ein Ort, an dem alle gleichzeitig ein bisschen unsicher sind – und genau deshalb erstaunlich entspannt.
Meine Lösung ist einfach und jedes Jahr neu: Ich gehe trotzdem.
Nicht, weil ich bereit bin.
Sondern, weil es niemand ist.
Von Marco Canonica
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