Ich glaube, mein schlechtes Gewissen arbeitet inzwischen Vollzeit. Es beginnt morgens noch vor dem Frühstück. Kaum sitze ich am Tisch, meldet sich diese innere Stimme:
„Weissbrot? Wirklich?“
Nehme ich ein Gipfeli, ist es zu ungesund. Nehme ich Früchte, sind es vermutlich die falschen Früchte. Nehme ich gar nichts, heisst es plötzlich Intervallfasten und ich fühle mich kurz wie ein Influencer.
Das schlechte Gewissen findet immer einen Weg. Mache ich keinen Sport, habe ich ein schlechtes Gewissen. Mache ich Sport, fragt es, weshalb ich nicht häufiger gehe. Gehe ich häufiger, sagt es mir, solltest Du nicht etwas Deine Gelenke schonen?
Ich bin überzeugt: Das schlechte Gewissen ist der erfolgreichste Personal Trainer Europas. Unbezahlt. Unerwünscht. Aber immer verfügbar. Früher hatten wir einfach Freizeit. Heute haben wir „ungenutztes Potenzial“. Man sitzt auf dem Sofa und entspannt sich. Nach drei Minuten meldet sich die innere Mahnabteilung: „Müsstest du nicht eigentlich etwas Sinnvolles machen?“
Lesen. Lernen. Trainieren. Aufräumen. Meditieren. Einen Podcast hören. Die Steuererklärung optimieren. Wenigstens irgendetwas. Nichts tun ist heute praktisch eine Form des Widerstands.
Wir leben nicht mehr unter Leistungsdruck. Wir leben unter schlechtem Gewissen. Und das Genialste daran: Niemand zwingt uns dazu. Wir erledigen das komplett selbständig.
Falls das so weitergeht, werde ich demnächst sogar ein schlechtes Gewissen haben, weil ich zu wenig ein schlechtes Gewissen habe.
Von Marco Canonica
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Foto: mit KI generiert
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