Ferienfotos lügen

Veröffentlicht am 12. Juli 2026 um 06:30

Ferienfotos haben mit Ferien ungefähr so viel zu tun wie Wahlplakate mit der Realität.

Sie zeigen nicht, wie es war. Sie zeigen die zwei Sekunden, in denen alles funktioniert hat. Da steht dann jemand mit einem Aperol vor einem traumhaften Sonnenuntergang. Alles wirkt entspannt, harmonisch und beneidenswert.

Was das Bild nicht zeigt: Fünf Minuten vorher wurde über das Restaurant diskutiert. Zehn Minuten vorher suchte jemand verzweifelt die Sonnenbrille. Und eine Viertelstunde später hatte einer einen Sonnenbrand und die andere schlechte Laune.

Ferienfotos sind die grösste Schönwetterstatistik der Welt.

Besonders beeindruckend sind Familienfotos.

Alle lächeln. Alle sehen glücklich aus. Und jeder, der schon einmal eines gemacht hat, weiss genau:

Drei Sekunden vorher hiess es noch: «Jetzt schaut doch endlich alle nach vorne!»

Früher machten wir 36 Fotos pro Ferien. Heute machen wir 836.Trotzdem erinnern wir uns später nie an Bild Nummer 472. Wir erinnern uns an den Kellner, der uns zum Lachen brachte. An den verpassten Zug. An den Sonnenuntergang. An die Menschen.

Vielleicht liegt genau darin die Wahrheit. Ferienfotos zeigen nicht die Ferien, wie sie waren. Sie zeigen die Ferien, wie wir sie in Erinnerung behalten möchten.

Und ehrlich gesagt finde ich das völlig in Ordnung. Man muss schliesslich nicht jede Mücke, jeden Stau und jeden Familienkonflikt archivieren. Manchmal genügt ein schönes Bild.

Und eine kleine, liebevolle Lüge für die Betrachter.

 

Von Marco Canonica

 

PS: Wer den kostenlosen "Sonntagsschmunzler" erhalten möchte: HIER ANMELDEN

Foto: pixabay.com


Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.