Hemmungen gesucht

Veröffentlicht am 2. August 2026 um 05:40

Kürzlich musste ich wieder an Mani Matters wunderbares Lied „Hemmige“ (Hemmungen) denken. Früher lachte ich darüber. Heute frage ich mich manchmal, ob wir nicht genau vom gegenteiligen Problem geplagt werden.

Nicht zu viele Hemmungen. Zu wenige.

Früher hatte man Hemmungen, ungefragt seine Meinung in die Welt hinauszurufen. Heute besitzen Menschen zu jedem Thema eine Meinung. Oft bereits nach dem Lesen der Überschrift. Früher hatte man Hemmungen, fremde Gespräche zu stören. Heute telefonieren manche im Zug so laut, als müsse das Handy akustisch bis an den Zielort reichen. Früher hatte man Hemmungen, jedes Mittagessen zu fotografieren. Heute weiss halb Europa, wer gerade einen Avocado-Toast bestellt hat.

Natürlich können Hemmungen lästig sein.

Sie haben Liebeserklärungen verhindert.

Karrieren verzögert.

Mutige Schritte ausgebremst.

Aber sie hatten auch einen unschätzbaren Vorteil:  Sie erinnerten uns daran, dass wir nicht allein auf dieser Welt sind. Dass es manchmal sinnvoll sein könnte, kurz nachzudenken, bevor man etwas sagt.

Oder postet.

Oder kommentiert.

Oder lautstark erklärt.

Ich bin überzeugt: Hemmungen sind nicht das Gegenteil von Mut. Hemmungen sind oft das Ergebnis von Respekt. Respekt vor anderen Menschen oder vor ganzen Völkern. Vor Situationen. Vor Grenzen. Und manchmal sogar vor sich selbst.

Wenn ich heute gewisse Diskussionen im Internet lese, oder mächtige Staatsleute sprechen höre, wünsche ich mir nicht mehr Mut. Ich wünsche mir etwas viel Revolutionäreres. Zwei Sekunden Hemmungen.

Die Welt würde es vermutlich überleben.

Und möglicherweise sogar davon profitieren.

Von Marco Canonica

 

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Foto: mit KI generiert


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