Ich bin überzeugt, dass Schweizer und Italiener dieselbe Temperatur völlig unterschiedlich erleben.
Der Schweizer beginnt bei den ersten Sonnenstrahlen zu blühen. Bei 22 Grad sitzen wir draussen. Bei 25 Grad grillieren wir. Bei 28 Grad sprechen wir vom perfekten Sommer.
Bei 31 Grad beginnt dann allerdings eine erstaunliche Verwandlung.
Plötzlich werden Wetter-Apps konsultiert wie früher das Orakel von Delphi. Man diskutiert Luftfeuchtigkeit, Hitzewarnungen und den Taupunkt. Am liebsten würden wir auch noch die NASA kontaktieren. Manche Menschen kennen inzwischen mehr Wetterdaten als ihre eigenen Blutwerte.
Der Italiener bleibt währenddessen erstaunlich gelassen.
35 Grad? Espresso. 38 Grad? Noch ein Espresso.
40 Grad? Vielleicht etwas Schatten. Aber nur vielleicht.
Dafür erlebt man im Winter ein kulturelles Wunder.
Sobald das Thermometer in Italien unter 15 Grad fällt, ziehen Menschen Kleidungsschichten an, die in der Schweiz für eine Polarexpedition ausreichend wären.
Bei 12 Grad erscheinen die ersten Daunenjacken.
Bei 10 Grad wird über Heizung, Zugluft und das nahe Ende der Zivilisation diskutiert.
Und bei 8 Grad hat man das Gefühl, halb Norditalien bereite sich auf die Überwinterung in Sibirien vor.
Ein Schweizer läuft bei derselben Temperatur noch mit offenem Jackenkragen herum und bezeichnet das Wetter als „recht angenehm“.
Der Schweizer friert nicht und misst Temperaturen. Der Italiener schwitzt nicht, er fühlt sie. Behaupten sie.
Und beide übertreiben masslos.
Von Marco Canonica
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Foto: pixabay.com
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