Es gibt Momente, in denen ich mich sehr italienisch fühle. Zum Beispiel beim Essen von Spaghetti.
Ich nehme die Gabel, drehe sie elegant im Teller und befördere die Spaghetti dorthin, wo sie hingehören: in meinen Mund. Ohne Löffel. Ohne Hilfsmittel. Ohne technische Unterstützung.
Dann kommt er. Der Herr am Nachbartisch.
«Könnte ich bitte noch einen Löffel bekommen?»
Ich schaue kurz rüber. Nicht empört. Eher wissenschaftlich interessiert. Wir sitzen schliesslich in einem italienischen Restaurant und vor uns liegen Spaghetti. Was genau soll jetzt noch schiefgehen?
Ich habe nie verstanden, warum man für Spaghetti zwei Bestecke benötigt. Eine Gabel reicht. Sie wurde schliesslich nicht zufällig mit mehreren Zinken ausgestattet. Die Nudel wird aufgedreht, von senkrecht zu waagrecht angehoben und gegessen. Ein erstaunlich effizientes System.
Der Löffel hingegen wirkt auf mich wie ein Sicherheitsgurt für Menschen, die ihrer Gabel nicht vollständig vertrauen.
Und natürlich schaut der Italiener. Nicht böse. Eher so, wie man jemanden betrachtet, der aus einer Nudel gerade ein logistisches Problem macht. Vielleicht ist das der kulturelle Unterschied: Wir Schweizer wollen beim Essen möglichst nichts falsch machen. Die Italiener wollen möglichst gut essen.
Und die freie Hand? Die braucht der Italiener ohnehin. Zum Reden, Gestikulieren, Erklären, Widersprechen und vermutlich auch, um der Nudel mitzuteilen, wohin sie jetzt gefälligst soll.
Ich bleibe deshalb bei meiner Gabel.
Nicht aus Überzeugung, sondern aus Erfahrung.
Eine Gabel reicht.
Und wenn nicht, waren es vermutlich keine guten Spaghetti.
Von Marco Canonica
PS: Wer den kostenlosen "Sonntagsschmunzler" erhalten möchte: HIER ANMELDEN
Foto: pixabay.com / Myriamas-Fotos
Kommentar hinzufügen
Kommentare
Wieder einmal mehr treffend! Ich nehme trotzdem den Löffel zu Hilfe! Die Spaghetti sind kompakter!