Ich starre nicht!

Veröffentlicht am 30. August 2026 um 06:00

Es gibt eine typisch schweizerische Sportart, für die wir weder Turnschuhe noch Vereinsmitgliedschaft brauchen: das Starren.

Wir machen es im Zug, im Restaurant, im Bus, an der Migroskasse und besonders gern dort, wo wir glauben, dass es niemand merkt. Experten nennen das inzwischen sogar den «Swiss Stare». Ganz falsch können sie damit nicht liegen.

Neulich sass mir im Zug jemand gegenüber. Interessante Frisur, auffällige Schuhe, irgendwie bekannt. Ich schaute kurz hin. Nur kurz. Dann noch einmal, um herauszufinden, ob ich die Person kenne.

Sie schaute zurück. Dann wurde es kompliziert.

Ich sah augenblicklich aus dem Fenster, als würde dort gerade etwas Aussergewöhnliches passieren. Tat es nicht. Es fuhr dieselbe Landschaft an mir vorbei wie immer.

Warum tun wir das? Wir wollen wissen, wer der andere ist, warum er so aussieht, was er liest und ob wir ihn kennen. Gleichzeitig möchten wir unter keinen Umständen dabei erwischt werden, dass wir genau das wissen wollen.

Also schauen wir heimlich offen.

Besonders schön wird es, wenn beide dasselbe tun.

Zwei Menschen sitzen sich gegenüber und führen einen stummen Wettbewerb: Wer hält den Blick länger aus? Wer gibt zuerst auf? Wer gewinnt?

Vermutlich niemand.

Ich habe deshalb eine neue Strategie entwickelt: Wenn mich jemand beim Starren erwischt, starre ich einfach zurück.

Das wirkt selbstbewusst.

Zumindest hoffe ich das.

Vielleicht ist der «Swiss Stare» überhaupt keine Unhöflichkeit. Vielleicht ist er nur unsere schweizerische Form von Neugier: Wir interessieren uns durchaus für andere Menschen – wir möchten es nur nicht zugeben.

Und wenn Sie jetzt denken, ich hätte Sie gerade angestarrt:

Nein.

Ich habe nur beobachtet.

 

Von Marco Canonica

 

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Foto: pixabay.com / draconianimages


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Kommentare

Sylvia Halm
Vor einer Stunde

Einmal mehr gut beobachtet👍👍👍
Ob das nur den Schweizern vorbehalten ist??? In meiner Alpenrepublik, Österreich, ist das auch weit verbreitet. Und manchmal hat man im Wettkampf das Gefühl, als würde der andere ins Narrenkadtl schau'n.
Schönen Sonntag & Danke für den Anstoß zum Mutigsein