Es gibt Fragen, bei denen man als Mann sofort spürt: Jetzt bloss nichts Falsches sagen.
«Hast du diese Frau gesehen?»
Die Frage kommt meist genau dann, wenn eine Frau gerade vorbeigegangen ist. Ganz beiläufig. Fast wissenschaftlich. Als ginge es um eine seltene Vogelart. Natürlich hat man sie gesehen. Sie ist schliesslich mitten durchs Blickfeld gelaufen. Aber genau darin liegt die Schwierigkeit, was ist nun die beste Antwort.
«Ja» klingt interessiert.
«Nein» klingt unglaubwürdig.
Und «Welche Frau?» ist die schlechteste aller möglichen Antworten.
Also versucht man es diplomatisch: «Welche meinst du?»
«Die mit dem roten Kleid.»
«Ja klar. Diese.»
Jetzt bloss keine Begeisterung zeigen. Nicht nachschauen. Schon gar nicht nochmals. Und bitte um Himmels willen keine Einzelheiten nennen. Denn, sobald ein Mann sagt: «Ja, schöne Schuhe», hat er sich freiwillig in eine Beweiskette hineinmanövriert, aus der es kaum noch ein Entkommen gibt.
Denn eigentlich lautet die Frage gar nicht: «Hast du die Frau gesehen?»
Sie lautet: «Wie genau hast du hingeschaut?»
Und plötzlich wird aus einem kurzen Blick ein Verhör. Und genau deshalb wird aus einem harmlosen Vorbeigehen plötzlich eine kleine Prüfung der menschlichen Wahrnehmung.
Man könnte natürlich einfach ehrlich antworten.
Aber manchmal ist beim gemeinsamen Beobachten des Lebens weniger Information die intelligentere Form von Kommunikation.
Von Marco Canonica
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Foto: pixabay.com / Pexels
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