Ich habe einmal ein Geschenk weitergeschenkt.
Ich erinnere mich bis heute daran. Nicht, weil das Geschenk besonders wertvoll gewesen wäre. Und auch nicht, weil derjenige, dem ich es weiterverschenkt habe, sich besonders darüber gefreut hätte.
Ich erinnere mich daran, weil man so etwas eigentlich nicht macht.
Ein Geschenk nimmt man entgegen. Man lächelt. Man bedankt sich. Man sagt vielleicht sogar: «Das ist aber lieb von dir.» Und dann gehört es einem. Ob man es braucht, ob es einem gefällt oder ob es fortan ein stilles Dasein in der hintersten Ecke eines Schranks fristet, spielt keine Rolle.
Damals bekam ich etwas, bei dem ich ziemlich schnell wusste: Das wird bei mir kein glückliches Leben führen.
Also habe ich es weitergeschenkt.
Nicht aus Bosheit. Eher aus praktischen Gründen. Es gab da jemanden, für den es geradezu geschaffen schien. Ich verpackte es neu, legte mein bestes Gesicht auf und überreichte es.
Und während der andere sich freute, hatte ich ein merkwürdiges Gefühl: Ich wusste etwas, was er nicht wusste.
Seitdem habe ich gelernt: Geschenke sind offenbar die einzigen Gegenstände, bei denen ein Besitzerwechsel moralische Fragen aufwirft.
Ein Auto darf man verkaufen. Einen Wein weitergeben. Einen Pullover tauschen.
Aber ein Geschenk?
Das darf man offenbar nur ehrfürchtig besitzen, bis es sich selbst auflöst.
Vielleicht war mein Fehler gar nicht das Weiterschenken.
Vielleicht war mein Fehler nur, dass ich mich danach jahrelang schuldig fühlte.
Von Marco Canonica
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Foto: mit KI generiert
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