Ich wohne an der Grenze. Dort, wo der Rhein weniger trennt als testet. Geduld, Humor und kulturelle Elastizität.
Auf der einen Seite wir Schweizer: korrekt bis in die Gedanken hinein, freundlich mit eingebauter Sicherheitsdistanz. Auf der anderen Seite die Süddeutschen aus der Schwarzwald-Gegend: direkt, gesellig und mit einer beneidenswerten Fähigkeit, Probleme laut zu lösen.
Der Alltag hier ist ein interkulturelles Improvisationstheater. Die Deutschen kommen zum Einkaufen und fühlen sich kurz wie Finanzminister. Wir fahren zum Tanken rüber und fühlen uns wie Schmuggler – obwohl alles legal ist. Oder ist es umgekehrt? Oder beides? An der Kasse entschuldige ich mich vorsorglich für meine Existenz. Der Süddeutsche erklärt mir sachlich, dass ich falsch stehe. Wir beide gehen mit dem Gefühl nach Hause, höflich gewesen zu sein.
Zeitmanagement ist ebenfalls eine Grenzerfahrung. Ich erscheine zehn Minuten zu früh, um zu beweisen, dass ich die Situation im Griff habe. Der Süddeutsche kommt zehn Minuten zu spät, um zu beweisen, dass das Leben stärker ist als der Kalender. Treffen wir uns, warten wir aufeinander – jeder aus völlig anderen Gründen.
Konflikte? Wir Schweizer reden so lange darüber, bis niemand mehr weiss, wer sich eigentlich worüber geärgert hat, aber alle zufrieden sind. Der Süddeutsche sagt einen Satz, der sitzt, und bestellt danach ein Bier. Ich meine, wir sollten uns gegenseitig therapieren. Wir lernen, Dinge auszusprechen. Sie lernen, Dinge auszuhalten. Und danach treffen wir uns am Rhein und sind uns einig, dass wir uns furchtbar anstrengend finden – und genau deshalb brauchen.
Denn zwischen „Grüezi“ und „Hallo» oder «Grüss Gott“ liegt keine Grenze. Es liegt ein Spiegel. Und der ist manchmal gnadenlos, aber meistens sehr, sehr lustig.
Gruss aus dem EDEKA, Marco Canonica
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