Das verwöhnte Paradies

Veröffentlicht am 1. März 2026 um 08:25

Wir leben im Paradies. Sauber, sicher, solvent. Die Züge fahren, das Wasser fliesst, die Institutionen funktionieren.

Freiheit ist bei uns kein heroisches Schlagwort, sondern Infrastruktur, ja Alltag. Und doch wirkt sie merkwürdig gezähmt.

Wir verwechseln Freiheit gern mit Auswahl. Zwölf Krankenkassenmodelle, fünfzig Joghurtsorten, Abstimmungen im Quartalstakt. Wir dürfen entscheiden – ständig. Was wir weniger üben: mit den Folgen zu leben. Freiheit ist hierzulande perfekt organisiert. Verantwortung eher individuell ausgelagert.

Wir haben die Risiken minimiert, versichert, reguliert. Sicherheit ist unser Nationalgefühl. Das ist klug, zivilisatorisch beeindruckend – und zugleich ein wenig beruhigend. Denn wo möglichst nichts schiefgehen soll, geht auch weniger aufs Ganze. Wer viel zu verlieren hat, denkt zweimal. Und wagt einmal weniger.

Meinungsfreiheit besitzen wir selbstverständlich. Aber zwischen dürfen und wollen liegt ein schmaler Grat aus Reputationsangst. Nicht der Staat zensiert uns – wir tun es oft selbst. Aus Höflichkeit. Aus Vorsicht. Aus Karriereplanung.

Vielleicht ist unser Paradies kein Käfig, sondern ein Spiegel. Er zeigt uns, dass Freiheit nicht darin besteht, zwischen Optionen zu wählen, sondern darin, für die gewählte Option geradezustehen. Ohne Ausrede, ohne Sündenbock, ohne Systemkritik als Beruhigungstablette.

Freiheit ist kein Wellnessbereich. Sie ist ein Trainingsraum. Und vielleicht täte uns gelegentlich ein Muskelkater ganz gut.

 

von Marco Canonica

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.