Der erste Kratzer ist der ehrlichste

Veröffentlicht am 5. April 2026 um 08:25

Wir sind vor gut drei Jahren in unsere neue Wohnung gezogen. Sie war makellos. Ein Parkett wie aus dem Katalog, ein Herd ohne Vergangenheit – alles so sauber, dass man sich fast entschuldigen wollte, überhaupt einzuziehen.

Wir passten uns an. Schuhe aus, Bewegungen in Zeitlupe, ein Leben wie auf Socken. Jeder Krümel wurde zur Staatsaffäre, jedes Staubkorn zum persönlichen Angriff. Ich bin mir ziemlich sicher: Wir haben anfangs mehr die Wohnung geschont als sie uns.

Dann kam der erste Kratzer.

Ein leises Geräusch, ein kurzes Erstarren – und plötzlich standen wir da wie Ermittler am Tatort. Blickkontakt. Schweigen. Die unausgesprochene Frage: Wer war’s?
(Die Antwort war schnell klar. Ich.)
Und vor allem: Ist jetzt alles ruiniert?

Für einen kurzen, dramatischen Moment: ja.

Der zweite Kratzer kam schneller. Der dritte fast beiläufig. Und irgendwann standen wir wieder im Raum und dachten: interessant. Der Boden beginnt, ein Eigenleben zu entwickeln. Nicht mehr steril, nicht mehr unantastbar – sondern benutzt. Bewohnt. Ehrlich.

Vielleicht ist Perfektion einfach wahnsinnig anstrengend. Man muss sie ständig verteidigen. Gegen Kratzer, gegen Flecken, gegen Gäste – und im Grunde gegen das Leben selbst. Und genau da liegt meine kleine, vielleicht etwas unverschämte These: Dinge ohne Spuren sind nicht beeindruckend. Sie sind verdächtig.

Ein makelloser Boden hat nichts erlebt.
Unserer schon.

Und ganz ehrlich: Vielleicht ist der erste Kratzer kein Schaden, sondern der Anfang von allem.

 

Von Marco Canonica

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Kommentare

Silvana Wagner
Vor 12 Tage

Lieber Marco.
Ich lese deine Beiträge immer wieder gerne, weil sie immer so authentisch sind.
Ich wünsche Euch schöne Ostern.
Auf ein baldiges Wiedersehen.
Buona Pasqua.
🐣🐣🐣
Un caro abbraccio.
Silvana