Italien hat kein Pech – Italien hat keinen Plan

Veröffentlicht am 1. April 2026 um 14:30

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, hier in Süditalien zu schweigen. Doch stattdessen fällt seit Stunden ein beharrlicher Regen, als hätte selbst der Himmel beschlossen, sich der allgemeinen Stimmung anzupassen.

Italien weint – über das Wetter, und mehr noch über das gestrige Aus. Es ist wohl diese eigentümliche Mischung aus Melancholie und Trotz, die mich nun doch in die Tasten greifen lässt.

Italien ist nicht gescheitert – Italien ist entlarvt worden. Das erneute Verpassen einer Weltmeisterschaft ist kein unglücklicher Ausrutscher, kein Schicksalsspiel, kein Ball, der um Zentimeter am Pfosten vorbeistreicht. Es ist das logische Ende einer Entwicklung, die man in der Serie A seit Jahren sehenden Auges betreibt – oder besser: unterlässt.

Wer nun die Squadra Azzurra seziert, betreibt Symptombekämpfung. Die Krankheit sitzt tiefer. Sie heisst Kurzfristigkeit, sie heisst Ungeduld, und sie trägt die Handschrift der Clubs.

Juventus Turin etwa wirkt seit Jahren wie ein Unternehmen ohne Strategie, dafür mit umso grösserem Einkaufsbudget. Identität? Verhandelbar. Nachwuchs? Verzögerungsmasse. Statt eine Achse aus eigenen Spielern zu entwickeln, wird ersetzt, verschoben, korrigiert – als liesse sich Zusammenhalt importieren. Das Resultat ist eine Mannschaft, die vieles kann, aber selten weiss, was sie sein will.

Auch AC Mailand und Lazio Rom folgen diesem Reflex: lieber der schnelle Effekt als die nachhaltige Idee. Trainer als Verschleissteil, Kader als Baustelle, Philosophie als Marketingbegriff. Man jagt dem Erfolg hinterher – und verliert dabei die Richtung.

Der Kontrast könnte kaum grösser sein. FK Bodø/Glimt setzt auf ein klares System, auf nationale Identität, auf Geduld. 19 Norweger im Kader – das ist kein Zufall, sondern Programm. Und der kleine FC Thun? Der Club steht sinnbildlich für das, was Italien verlernt hat: jahrelange Aufbauarbeit, ein Trainer, ein Plan – und nun, aller Voraussicht nach, der Lohn in Form des Meistertitels. Vor FC Basel, vor BSC Young Boys – vor all jenen, die sich lange auf ihrem Vorsprung ausruhten.

Das ist nicht romantisch, das ist konsequent.

Und Italien? Leistet sich den Luxus, Talente zu misstrauen, bevor sie überhaupt Fehler machen dürfen. Man investiert Millionen in fertige Spieler und spart am Mut. Ein Fünfjahresplan? Klingt in der Serie A fast schon revolutionär – dabei wäre er bloss vernünftig.

Ein kleiner Lichtblick ist die AS Rom, wo der Einfluss von Gian Piero Gasperini zumindest erahnen lässt, dass Fussball mehr sein kann als hektisches Reagieren. Doch auch hier gilt: Eine Idee ist nur so stark wie die Geduld, die man ihr zugesteht.

Italien hat kein Talentproblem. Italien hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Solange Clubs so tun, als liesse sich Zukunft kaufen statt entwickeln, bleibt die Nationalmannschaft ein Spiegel dieser Selbsttäuschung.

Vielleicht braucht es kein grosses Reformprogramm. Vielleicht reicht eine unbequeme Einsicht: Der italienische Spitzenfussball ist nicht vom Weg abgekommen – er hat nie entschieden, welchen er überhaupt gehen will.

 

Von Marco Canonica

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Kommentare

Pierro
Vor 16 Tage

Hallo Marco,
du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, die Serie A besteht zum grossen Teil aus eingekauften Spieler der ganzen Welt, wo sind die Italiener, die Kämpfer, die wilden Jungen, sie werden nicht mehr gefördert. Eine WM ohne Italien 🇮🇹, ist wie ein Bier ohne Schaum. Es fehlt was, erinnern wir uns nur früher, an die Spiele gegen Deutschland, Spanien, Brasilien, auch die Schweiz gehörte dazu, packende, spannende Spiele zum mit fiebern.
Kämpfende gute jung Spiele, gespickt mit erfahrenen älteren Spieler. Go Azzurri!