Ich blieb stehen, damit es für alle schlimmer wird

Veröffentlicht am 12. April 2026 um 07:30

Die Supermarktschlange ist kein Ort. Die Supermarktschlange ist ein Schicksal. Ich betrete den Laden noch als freier Mensch. Ich habe Ziele. Ich habe Würde. Ich brauche eigentlich nur drei Dinge. Drei! Das ist kein Einkauf, das ist ein Zwischenstopp. Ein logistisches Schulterzucken. Und dann sehe ich sie.

Die Kassen.

Ein Meer aus Möglichkeiten. Ein Labyrinth aus Hoffnung und Selbsttäuschung. Und irgendwo darin: meine Entscheidung. Die Entscheidung, die alles verändern wird. Oder, realistischerweise: alles minimal verschlechtern.

Ich atme durch. Ich beobachte. Ich analysiere. Kasse 1: zu viele Menschen, die aussehen, als hätten sie Zeit. Gefährlich. Kasse 2: solide. Unauffällig. Könnte funktionieren. Könnte aber auch genau deshalb ein perfider Hinterhalt sein. Kasse 3: fast leer.

FAST. LEER. Ich bin ja nicht dumm. Ich nehme Kasse 2.

Am Anfang läuft alles gut. Es geht vorwärts. Ich nicke innerlich. So sieht Kompetenz aus. So sehen Menschen aus, die ihr Leben im Griff haben. Menschen wie ich, die wissen, wann man nicht die offensichtlich falsche Entscheidung trifft.

Dann – aus dem Nichts – verlangsamt sich alles. Vor mir greift jemand in die Tasche. Und hört nicht mehr auf. Es kommen Dinge zum Vorschein, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Münzen. Lose Zettel. Ein Kugelschreiber. Ein zweiter Kugelschreiber. Warum zwei? Niemand weiss es.

Dann: Coupons. Nicht ein Coupon. Nicht zwei. Ein Stapel, der die Statik des gesamten Kassenbereichs infrage stellt. Die Kassiererin scannt. Es piept. Es piept anders. Dieses Piepen hat Zweifel. Dieses Piepen hat Fragen. Dieses Piepen hat eine eigene Meinung zur Situation.

„Moment kurz“, sagt sie. Dieser Moment ist länger als meine letzte Ferienplanung. Neben mir – ich spüre es, ich will es nicht sehen, aber ich spüre es – öffnet sich eine neue Kasse. Natürlich. Natürlich passiert das. Menschen strömen hinüber. Sie bewegen sich mit einer Leichtigkeit, die fast beleidigend ist. Als hätten sie nie Fehler gemacht. Als wären sie bessere Menschen. Schnellere Menschen. Schlauere Menschen.

Ich könnte wechseln. Ich KÖNNTE. Aber jetzt? Jetzt geht es nicht mehr ums Einkaufen.

Jetzt geht es um Ehre. Hinter mir baut sich eine Gesellschaft auf. Eine stille, passive-aggressive Gesellschaft. Sie atmet laut. Sie rückt näher. Ich bin jetzt offiziell Teil eines Problems, das ich selbst erschaffen habe. Ich stehe da. Regungslos. Ein Mahnmal menschlicher Fehleinschätzung. Die Zeit verliert ihre Bedeutung. Sekunden dehnen sich. Minuten zerfallen. Irgendwo werde ich älter.

Irgendwann – viel später, vielleicht in einem anderen Leben – bin ich dran.

Ich bezahle. Die Kassiererin lächelt. Ich lächle zurück, wie jemand, der Dinge gesehen hat. Als ich den Laden verlasse, bin ich nicht mehr derselbe Mensch. Ich bin vorsichtiger. Reifer.

Und absolut überzeugt, dass ich beim nächsten Mal einfach Kasse 3 nehme.

Weil sie ja fast leer war.

 

Von Marco Canonica

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Kommentare

Reto Capaul
Vor 5 Tage

Wer kennt sie nicht, die Fehlentscheidungen an der Kasse oder im Stau auf der Autobahn mit der Spurwahl… 😂
Schöner Beitrag