Erwachsenwerden war nie mein Geschäftsmodell

Veröffentlicht am 24. Mai 2026 um 07:10

Mit 55 habe ich ein merkwürdiges Problem: Alle um mich herum werden älter — nur ich offenbar nicht.

Freunde sprechen neuerdings über Blutdruckwerte, Schlafqualität und die richtige Matratzenhärte, als wären dies olympische Disziplinen. Menschen, die früher nachts um zwei noch spontan nach Italien fahren wollten, vergleichen heute begeistert ihre neuen Gartenheckenscheren oder die Solaranlage auf dem Dach. Und irgendwo fällt immer dieser Satz: „In unserem Alter sollte man langsam etwas vernünftiger werden.“

Unser Alter?
Wer genau ist hier „unser“?

Denn innerlich bin ich noch immer derselbe. Ich lache immer noch über völlig idiotische Dinge. Ich drücke im Lift manchmal absichtlich zwei Knöpfe, nur um kurz Spannung ins Leben zu bringen. Ich lege meiner Familie regelmässig Weinzapfen in ihre Schuhe. Und ich finde es bis heute grossartig, beim Self-Checkout völlig empört den Kassenscanner anzuschauen, wenn er bei einer Banane „Bitte auf Mitarbeiter warten“ meldet — als hätte ich gerade internationalen Fruchtschmuggel betrieben.

Nicht aus Unreife. Sondern aus Freude am Leben.

Während viele um mich herum anfangen, vorsichtig zu altern, Termine sechs Wochen im Voraus planen und plötzlich Funktionsjacken besitzen, habe ich mir wenigstens einen kleinen Rest gepflegten Unsinn bewahrt.

Vielleicht ist genau das das Geheimnis. Der Körper verändert sich, ja. Irgendwann macht das Knie beim Aufstehen Geräusche wie ein alter Kühlschrank. Aber innen drin bleibt man doch derselbe Mensch. Nur mit etwas mehr Erfahrung, besseren Schuhen und einer Lesebrille, die man ständig sucht, obwohl sie auf dem Kopf sitzt.

Meine vielleicht leicht provokative Theorie: Alt werden nicht jene mit grauen Haaren. Alt werden jene, die aufhören, albern zu sein. Die keine spontanen Ideen mehr haben, nicht mehr laut lachen, nichts mehr ausprobieren und ständig so tun, als sei das Leben eine Vorstandssitzung.

Ich hingegen habe beschlossen, mich weiterhin regelmässig danebenzubenehmen. Niveauvoll natürlich. Man wird ja schliesslich älter. Nicht langweilig.

 

Von Marco Canonica


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Kommentare

Anita Meyer
Vor 9 Tage

Oh wie recht du hesch. Ich gib mir au mühe mich selber zbliibe trotz em Alter.
Gnüssets Wucheänd
Grüessli us Baldige Anita

Ursula Süess
Vor 9 Tage

Wie schön, das von dir reflektiert zu bekommen 😎

Binder Marlies
Vor 9 Tage

"WOW, genial! Du hast es mit deinem Text genau auf den Punkt gebracht. Herrlich gelacht und mich so verstanden gefühlt.
Freue mich sehr auf weitere.....

Dagmar
Vor 8 Tage

Ich glaube Du sprichst ganz vielen von uns aus dem Herzen!

Sam
Vor 8 Tage

Also zum klarstellen: wenn Mann nicht mehr albern ist, muss er sich im Altersheim anmelden