Der letzte freie Parkplatz ist der Moment, in dem aus zivilisierten Menschen plötzlich mittelalterliche Feldherren werden. Im normalen Leben sagen wir Dinge wie «Nach Ihnen» oder «Kein Problem». Im Parkhaus hingegen entwickeln selbst Yogalehrer innert Sekunden territoriale Instinkte.
Sobald irgendwo ein Rückfahrlicht aufleuchtet, beginnt die Jagd. Man folgt fremden Autos plötzlich langsamer als ein Rentnerpärchen im Möbelhaus an einem Regentag. Der Fahrer vorne sucht vermutlich einfach sein Parkticket – hinter ihm hat bereits jemand emotional Besitzansprüche angemeldet: «Das ist jetzt mein Parkplatz.»
Besonders faszinierend finde ich Menschen, die lieber sieben Minuten im Kreis fahren, als 40 Meter weiter hinten parkieren (ich bin ehrlich, manchmal gehöre ich auch dazu). Der Mensch würde für eine bessere Parklücke mittlerweile vermutlich sogar familiäre Beziehungen riskieren.
Und dann diese stillen Machtkämpfe. Zwei Autos entdecken gleichzeitig dieselbe Lücke. Niemand hupt. Niemand schreit. Aber beide sitzen da mit diesem Blick, den sonst nur Menschen haben, wenn im Zug genau noch ein Viererabteil frei wird.
Meine Lieblingsfiguren sind allerdings jene Menschen, die beim Ausparken 14-mal korrigieren. Hinter ihnen bildet sich bereits eine Fahrzeugschlange mit der emotionalen Stabilität einer IKEA-Kasse am Samstag. Irgendwann beginnen erste Leute demonstrativ aufs Lenkrad zu tippen, andere starren apathisch ins Leere und irgendwo verliert jemand langsam den Glauben an die Menschheit.
Vielleicht sollten Einkaufszentren absichtlich zu wenige Parkplätze bauen. Nicht aus Platzmangel. Sondern damit wir uns endlich wieder daran erinnern, dass Gehen eigentlich keine persönliche Niederlage ist.
Von Marco Canonica
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